Behringer MS-101 – was lange währt, wird endlich gut!

Der wohl beliebteste Spross aus Rolands SH-Reihe, die SH-101, erblickte 1983 das Licht der Welt. Vor allem der markante Klang, die fast selbsterklärende Bedienoberfläche und natürlich die Kombination aus Keyboard, Sequenzer und Arpeggiator verhalfen der SH-101 zu einer guten Verbreitung. Als 1990 auf Warp Records „LFO“ von LFO erschien, war es die mächtige Bass Line einer „101“ in diesem Track, die etliche Lautsprechersysteme deutlich in ihre Schranken wies.

Lange musste die Synthesizer-Gemeinde auf den Nachbau einer analogen(!) 101 warten, Behringer hat sich dieses Wunsches angenommen und auf den ersten Blick alles richtig gemacht.

In drei Farbvarianten liegt die MS-101 nun vor: rot, königsblau und schwarz. Sie wird ihrem Ahnen absolut gerecht und ist ebenso ein monophoner Analog-Synthesizer mit einer 32-Tasten-Klaviatur und gleichem Aufbau der Funktionsgruppen. Vergleicht man die Bedienelemente der MS-101 mit der SH-101 findet sich in Anzahl und Vielfalt alles wieder. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings auf, dass Behringer ein paar Extras hinzugefügt hat:

So hat es Behringer sich nicht nehmen lassen, den bekannten Curtis IC CEM3340 neu aufzulegen, um den charismatischen Grundsound des Oszillators originalgetreu nachbilden zu können. In der 101 ist der “Source Mixer“ nahezu gleichbedeutend wichtig wie der Oszillator selbst; in der Neuauflage findet sich neben Rechteck, Sägezahn, Suboszillator und Noise sogar Dreieck unter den Oszillator-Wellenformen und auch der Audioeingang hat seinen eigenen Schieberegler bekommen. Dem Mixer folgt zum Bearbeiten des Klangspektrums das wuchtige 24dB-Lowpass-Filter; ehe das Signal den Weg über den VCA in ein Mischpult oder die DAW findet. Zu den klanglichen Merkmalen der 101 gehört selbstredend auch die sehr schnelle ADSR-Hüllkurve, welche in dieser Perkussivität wohl auch weiterhin ein Unikum darstellt. Mehr Wellenformen hat der LFO übrigens nicht dazubekommen, dafür gibt es nun drei per Kippschalter wählbare Geschwindigkeitsbereiche, die von gemächlich bis Metall-FM reichen.

Puristen darf man an dieser Stelle beruhigen: Die Erweiterungen findet man in Details, die man gerne mitnimmt, ganz Hartgesottene durch können Sie durch Nichtbenutzen einfach ignorieren. So haben Arpeggiator und Sequenzer gemeinsam einen eigenen Tempo-Regler erhalten und sind somit nicht mehr an das Tempo des LFO gekoppelt. Auch wurden die Bedienelemente für diese beiden Spielhilfen erweitert, das vereinfacht die Bedienung und ermöglicht den Zugriff auf 64 Pattern, die jeweils bis zu 32 Schritte lang sein können. Da nun das MIDI-Trio und USB installiert sind, versteht sich das Instrument jetzt auch wunderbar mit einer Studioumgebung jenseits des CV/Gate-Standards. Audioübertragung via USB ist allerdings nicht vorgesehen. Eine besondere Erweiterung kommt dem Filter zugute: sechs Wellenformen von Oszillator und Suboszillator einschließlich Noise stehen bereit, um den Cutoff zusätzlich stufenlos zu modulieren. Dieses Feature gab es beim SH-101 nur durch nachträgliche Veränderung der Platine und einbauen zusätzlicher Regler.

 

 

Moderne Schnittstellen zu haben ist zum Glück nicht gleichbedeutend damit, dass man die alten gar nicht mehr brauchen würde. CV/Gate In & Out befinden sich ebenso auf der Rückseite wie Velocity Out, Cutoff CV In und der analoge Clock-Eingang. Da es keine feste Verbindung von der Anschlagdynamik der Klaviatur zu einer Funktionsgruppe des MS-101 gibt, kann man sich eines Tricks behelfen um den Cutoff mittels Velocity zu steuern: einfach ein Mono-Klinkenkabel (3,5mm) von Velocity Out zu VCF CV In patchen, und sich fortan über eine Klangnuance mehr freuen. Deftige Feedbackorgien mit dem Filter erzielt man durch Verbinden des externen Eingangs mit dem Kopfhörerausgang (alias: Feedback Schleife).

Man kann auch kurzerhand den Modulationsgriff an den MS-101 montieren und den zusätzlich ebenso im Lieferumgang enthaltenen Gurt anlegen, schon steht man mit seinem liebsten Bass/Lead Synth neben dem Sänger auf der Bühne und spielt dem geneigten Publikum unglaubliche Lines vor.

Tatsächlich, es ist alles da, was das Original schon hatte und viel mehr darüber hinaus: mit nur wenig Übung gelingen auch Anfängern mitreißende Bass- und Lead-Sounds, die sich deutlich von Hubschrauberflug und Science-Fiction Effekten absetzen; welche für das Instrument ebenso zum Repertoire gehören.

Dass ein Clone, der 36 Jahre nach seinem Vorbild erscheint in Farbe und Form nur geringfügig vom Original abweicht, fällt sicherlich unter die künstlerische Freiheit. Am schwersten wiegt die klangliche Einschätzung, wie viel Ur-101 steckt denn nun im MS? Nun, 95 % sind es auf jeden Fall, muss man bei Originalgeräten immer wieder von “bauteilbedingten Toleranzen“ sprechen, fällt das hier weniger ins Gewicht. Nicht nur angesichts des günstigen Anschaffungswiderstandes erhält man mit der MS-101 ein Instrument, für das man guten Gewissens sein betagtes 1983er Schätzchen in die Vitrine legen kann. Die Verarbeitungsqualität geht absolut in Ordnung und kann sich durchaus mit Anderen messen lassen. Einziger Wermutstropfen ist ein leichtes Grundrauschen, dass erst dann in Erscheinung tritt, wenn die Mixer-Pegel alle unten sind, das Filter komplett offen ist und der VCA via Gate oder Hüllkurve geöffnet wird. Ansonsten schweigt der Nachfahre, wenn er zu schweigen hat.

Juli 2019, Jürgen Stiemert, Music Store Köln

Weitere Infos: SYN0006878-000 (RD) | SYN0006946-000 (BU) | SYN0006945-000 (BK)

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