Das Drama der angeschlossenen und ausserordentlichen GEMA-Mitglieder

Mittlerweile gehören der GEMA nicht nur ca. 3500 ordentliche Mitglieder an, die über ein aktives und passives Wahlrecht in den Mitgliederversammlungen verfügen und an den ordentlichen GEMA-Mitgliederversammlungen teilnehmen können, sondern auch ca. 61000 angeschlossene und außerordentliche GEMA-Mitglieder, denen diese Rechte verweigert werden. Von dem jährlichen GEMA-Gesamtauf­kom­men von ca. 880 Millionen Euro erwirtschaf­ten diese ca. 61000 angeschlossenen und außer­ordentlichen GEMA-„Sonder“-Mitglieder ca. 36%, d.h. ca. 316 Millionen Euro und stärken damit in einem erheblichen Ausmaß die Wirtschaftskraft dieses Inkasso-Unternehmens.

Was allerdings nur wenige wissen ist, dass diese 61000 angeschlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitglieder weder über ein passives noch aktives Wahlrecht in der GEMA verfügen und auch nicht an den ordentlichen GEMA-Mitgliederversammlungen teilnehmen können.

Ohne zu übertreiben kann man feststellen, dass diese 61000 angeschlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitglieder vereinsrechtlich weit­gehend rechtlos sind. Zudem gelten sie juristisch als GEMA-Nichtmitglieder!

Die GEMA-Mitgliederversammlung der ordent­lichen GEMA-Mitglieder hat 2011 beschlossen, die Zahl der GEMA-Delegierten, die diese 61000 angeschlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitglieder vertreten, von bisher 34 auf 68 De­legierte zu erhöhen. Diese Delegierten sollen in Zukunft die Interessen dieser 61000 angeschlos­­senen und außerordentlichen GEMA-Mitglieder in den ordentlichen GEMA-Mitgliederver­samm­lun­gen vertreten.

Wie wird man ordentliches GEMA-Mitglied?

Vor allen Dingen dadurch, dass man zuerst einmal die außerordentliche GEMA-Mitglied­schaft erwirbt. Das ist ohne große Probleme durch An­tragstellung möglich. Zum anderen müssen allen außerordentlichen GEMA-Mitgliedern, die ordentliches GEMA-Mitglied werden wollen, innerhalb von fünf Jahren 30000,– Euro an Tantiemen seitens der GEMA zufließen (pro Jahr ca. 6000,– Euro). Erst wenn diese Summe nach fünf Jahren Mitgliedschaft als Tan­tiemen­aufkommen erreicht wird, kann der Antrag auf eine ordentliche Mitgliedschaft bei der GEMA gestellt werden.

Nun gibt es bei diesen 61000 angeschlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitgliedern eine ganze Reihe äußerst erfolgreicher Komponisten und Texter, die innerhalb der letzten fünf Jahre weitaus mehr Tantiemen durch die GEMA erhielten, als für die Erreichung der Voraussetzung zu einer ordentlichen GEMA-Mitgliedschaft nötig ist.

Diese außerordentlichen und angeschlossenen GEMA-Mitglieder werden von der GEMA nicht darüber informiert, dass sie längst ordent­­liches GEMA-Mitglied hätten werden können.

Beispiel 1:

Der Komponist einer bekannten deutschen Rock- und Popband aus Hessen komponierte Ende Juni 2004 einen deutschlandweit erfolgreichen Hit. Das folgende Album stieg von Null auf Platz 3 in den deutschen Albumcharts und erlangte mit über 700000 verkauften Einheiten Dreifach-Platin. Weitere Single- und Albenveröffentli­chun­gen in 2005, 2006 und 2008 fanden enormen Widerhall in den deutschen Rundfunkanstalten. Diese Band gehört in Deutschland bis heute zu den meistgespielten Bands im Radio.

Die meisten dieser Titel werden fast ausschließlich von der Sängerin und den beiden Gitarristen verfasst, mit der direkten Folge, dass das GEMA-Tantiemenaufkommen seit Jahren für die Urheber, d.h. Komponisten und Texter dieser Band, jährlich im fünf- und sechsstelligen Bereich liegt.

Die von der GEMA für eine ordentliche Mitgliedschaft geforderten 30000,– Euro Tantiemeneinnahmen in fünf Jahren haben diese jungen Urheber in den letzten fünf Jahren um das mindestens Zehnfache überholt und trotzdem werden zumindest zwei der Urheber nachweislich immer noch als angeschlossene oder außerordentliche GEMA-Mitglieder geführt. Seitens der GEMA erfolgte kein Hinweis auf die Möglichkeit einer ordentlichen Mitgliedschaft.

Beispiel 2:

Ein außerordentlich erfolgreicher Songwriter und Sänger aus Berlin komponiert und textet seit 1991 Lieder mit deutschen Texten in den Bereichen Pop, Chanson und Rock. Seit 1992 produziert er deutsch­landweit äußerst erfolgreiche Hits bis 2011 (als Urheber, d.h. Kom­po­nist und Texter). Bis heute ist dieser Komponist immer noch außer­ordentliches bzw. angeschlossenes GEMA-Mitglied, obwohl er allein in den letzten zehn Jahren ein GEMA-Tantiemenaufkommen im hohen sechsstelligen Bereich verdient hat.

Auch hier ist bis heute die GEMA nicht auf die Idee gekommen, diesen erfolgreichen Komponistenkollegen darauf hinzuweisen, ordentliches GEMA-Mitglied zu werden.

Beispiel 3:

Ein bekannter Musikproduzent und Co-Komponist einer bekannten deutschen Band mit bisher vier Nummer-Eins-Singles sowie über 6 Millionen verkauften Tonträgern gehört im deutschsprachigen Raum zum erfolgreichsten Produzenten der letzten zwölf Jahre. Er produzierte mit dieser Band verschiedenste Alben und Singles, an denen er bei diversen Titeln als Komponist (Co-Komponist) mitwirkte. Der Erfolg dieser deutschsprachigen Band bezog sich folgend nicht nur auf Deutschland und Österreich, sondern auch auf die Vereinigten Staaten, die verschiedensten europäischen Länder und sogar Israel.

Die aus diesen Erfolgen resultierenden GEMA-Urheberrechtstantiemen flossen in den letzten zehn Jahren zu einem Gutteil auch in die Tasche dieses Produzenten, der bis heute trotz hoher GEMA-Tantiemeneinnahmen immer noch außer­or­dentliches und angeschlossenes GEMA-Mitglied ist.

Auch hier kann festgestellt werden, dass die GEMA sich bis heute keine Mühe machte, diesen erfolgreichen Komponisten in die ordentliche GEMA-Mitgliedschaft einzuladen.

 

Die hier angeführten drei Beispiele ließen sich in beliebiger Weise fortführen. Die von den ca. 61000 angeschlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitgliedern jährlich erwirtschafteten ca. 316 Millionen Euro werden in der Haupt­sache von ca. 10 bis 15% der 61000 GEMA-(Sonder)Mitglieder erwirtschaftet. Damit kann sich jeder ausrechnen, wie viele außerordentliche und angeschlossene GEMA-Mitglieder längst das Limit von fünfjährig 30000,– Euro erreicht haben müssten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass von den 61000 an­ge­schlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitgliedern ca. 1000 die finanziellen Voraus­setzungen für eine ordentliche Mitglied­schaft in der GEMA längst erreicht haben. Anders lassen sich die erwirtschafteten 316 Millionen Euro der angeschlossenen und außerordentlichen GEMA-Mitglieder nicht erklären.

Es wäre ein Leichtes für die GEMA, die außer­ordentlichen und angeschlossenen GEMA-Mit­glieder darüber zu benachrichtigen, dass sie die Voraussetzungen für eine ordentliche GEMA-Mit­gliedschaft erreicht haben und einen Antrag auf die ordentliche Mitgliedschaft stellen sollten.

Warum benachrichtigt die GEMA diese Kom­ponisten und Texter nicht? Es handelt sich in der Mehrheit aller Fälle um erfolgreiche Musiker, Kom­ponisten und Texter aus dem Gesamtgenre der Rock- und Popmusik. Will die GEMA diese Mit­gliederkandidaten nicht als ordentliche GEMA-Mitglieder aufnehmen? Fürchtet sich die GEMA vor dem Mitbestimmungsprozess von ca. 1000 neuen, zumeist jungen ordentlichen GEMA-Mit­gliedern?

Die Macht und die eigentlichen Feinregulie­run­gen der Etatausschüttungen von jährlich ca. 880000 Euro innerhalb der GEMA liegen unübersehbar in den Händen bestimmter Interessen­gruppen aus den Genrebereichen der Klassik-, Schlager-, Werbe-, Film- und Jinglekompo­nisten, Verleger und Texter.

Aktive erfolgreiche Rock- & Popmusiker, die in der Mehrheit alle selbst komponieren, texten und arrangieren und jährlich hohe Tantiemeaus­schüt­tungen seitens der GEMA erhalten, sind seltsa­merweise weder im Aufsichtsrat noch in den verschiedenen Ausschüssen der GEMA vertreten, u.a. weil viele von ihnen immer noch als angeschlossene oder außerordentliche Mit­glie­der gelistet sind und damit weder über ein aktives noch über ein passives Wahlrecht, d.h. kein Mitspracherecht in der GEMA verfügen und somit an den offiziellen Mitgliederver­samm­lun­gen der sog. „ordentlichen“ GEMA-Mitglieder auch nicht teilnehmen können.
Natürlich hat dieser geschilderte Zustand innerhalb der Mitgliederstruktur der GEMA einen Grund! Die Interpretation darüber überlasse ich den Lesern dieses Artikels.

 

Text: Ole Seelenmeyer
Foto: © Mickaël L’Achiver/ Fotolia.com

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