Eine endliche Geschichte über wahrscheinlichen Urheberrechtsdiebstahl unter Musikern – Teil 2

Wie im musiker Magazin Nr. 2/2011 in einer ersten Story beschrieben, gründete in den 80er-Jahren Julia Neigel (damals Jule Neigel) gemeinsam mit Axel Schwarz, Andreas Schmid, Thomas Ludwig und anderen Begleit­mu­sikern die Jule Neigel Band.

Jule Neigel eroberte damals die Hitparaden und Bestenlisten in Deutschland. Jule Neigel tourte mit dieser Band in zahlreichen Konzerten und Tour­neen erfolgreich durch Deutschland und andere europäische Länder, bis es eines Tages dazu kam, wie es leider in Musikgruppen viel zu oft vorkommt: Es knallte und die Sängerin und Namensgeberin ging im Streit mit den Musikern auseinander. Laut Julia Neigel begann der Disput mit einer Diskussion um ihre Selbstwürde. Grund soll das Angebot einer Erotikfotosession für eine große Zeitschrift gewesen sein, die zur Veröffentlichung eines Albums ein großer Aufschlag werden sollte (Interview Mannheimer Morgen). Julia Neigel war dagegen; Axel Schwarz versuchte allerdings, sie zu überreden, es doch zu tun. So ihre Aussage. Ab da entschied Julia Neigel, die Zusammen­arbeit mit Schwarz zu beenden. Sie vertraute ihm nicht mehr und hinterfragte alles um sich herum. Freund­schaften wurden beerdigt, die Einnahmen versiegten – bis auf einige Lizenzen und die Ur­he­berrechtstantiemen durch die GEMA und GVL für die bis dahin eingespielten, komponierten und veröffentlichten Kompositionen, Texte und Arran­gements. Aufgrund der Popularität vieler Songs von „Jule Neigel“ müssen bis heute erhebliche Urheberrechtstantiemen (GEMA, GVL) in die Taschen der sogenannten „Erfinder“ der Kompo­sitionen, Texte, Arrangements und aktiven Musi­ker geflossen sein und nur zu einem geringen Teil an Kompositionsanteilen in die Taschen Julia Neigels, obwohl diese sich als Erfinderin fast aller Melodien und aller Texte ihrer Alben bezeichnet.

Julia Neigel begann, ihrem entstandenen Miss­trauen gegenüber Schwarz zu folgen und ging zum Anwalt. Sie ließ 2003 die Ausschüt­tungsmodalitäten bei GEMA und GVL und die ihr damals durch ihren Gitarristen und Keyboarder dazu geäußerten GEMA-Meldungsbedingungen für Komponisten anwaltlich hinterfragen, da sie doch bei den meisten Songs als die tatsächliche Melodienerfinderin eigentlich die Komponistin der Werke sein müsste und auch ist. Tatsache aber war, dass z. B. bei „Schatten an der Wand“ Axel Schwarz zu 100 % als Komponist gemeldet war – und dies seit Veröffentlichung im Jahre 1988. Nach Rücksprache bei verschiedenen Anwälten stellte sich für sie heraus, dass der damalige Keyboarder Axel Schwarz und auch ihr damaliger Lebenspartner, der Gitarrist Andreas Schmid, ihr in Sachen Kompositionsdefinition im Beginn der Zusammenarbeit und auch später die Un­wahr­heit gesagt hatten. Julia Neigel stellte fest: Die beiden hatten sich für die meisten Werke der „Jule Neigel Band“ als Urheber, also Kompo­nisten, wie auch bei weiteren Werken als Mitkompo­nisten zu Unrecht eintragen lassen – eben mit der immer wieder vor allen Bandmitgliedern propagierten Begründung, immer sei der der Kom­ponist, der den Songablauf mit den Harmonien/ Akkorden und Instrumentierungen kreiert hat; somit wurde sie als die Melodienerfinderin massiv benachteiligt. Diese unwahre Behauptung seitens Schwarz und Schmid wird heutzutage z.B. von der damaligen Chorsängerin Angelika Paqué und vom früheren Bassisten Frank Schäfer in deren eidesstattlichen Versicherungen bestätigt. Der Name „Jule Neigel Band“, der zwar Julia Neigel ebenso gehört, aber keine Erfindung von Julia Neigel, sondern der damalige Wunsch ihrer Instrumentalisten, insbesondere von Axel Schwarz, war, führte zudem zu einer Beteiligung der Band­mitglieder an den Lizenzerträgnissen der damaligen Künstlerverträge, die Julia Neigel mit Major-Tonträgerfirmen persönlich und immer nur alleine abschloss. Laut Julia Neigel wäre nie eine Be­tei­ligung am Plattendeal für die Band zustande ge­kommen, hätte sie die Wahrheit um ihre Rechte und die Absichten der damaligen Musiker damals schon gewusst.
Prüfen wir doch mal als Erstes Julia Neigels Behauptung, sie habe die Melodien zu ihren Songs erfunden und sei hintergangen worden: In diversen Aussagen verschiedener Zeugen stellte sich bis heute schnell klar heraus, dass bei vielen Songs in den Anfängen der „Jule Neigel Band“ Akkordsysteme mit unterlegten Instrumental-Ein­spielungen seitens Schwarz und Schmid vorgelegt wurden, bei denen Julia Neigel die Me­lo­dien dazu erfand und sie dann auf diesen Funda­menten die Melodien weiterentwickelte. Auch kam es oft vor, dass sie vollkommen eigenständig mit Melo­dien und Texten Songs entwickelte und diese dann im Nachhinein nach ihren Wünschen vertont wurden.

So versicherte der damalige technische Back­liner, der spätere FoH-Mischer der Jule Neigel Band Michael Werner in einer eidesstattlichen Ver­sicherung, dass er 1987/88 zusammen mit Julia Neigel und Andreas Schmid in einer gemeinsamen Wohnung lebte. Damals hatte er die Ent­steh­ungsgeschichte der Songs „Schatten an der Wand“, „Miese Zeiten“, „Lass dich gehen und du wirst König sein“ und „Immer auf’m Sprung“ genauestens kennengelernt, weil er fast immer dabei war. Nach seinen Aussagen war eines der ersten Demos, die aus dem Proberaum kamen, „Schatten an der Wand“. Da die aufgenommene Instrumentalversion der Band nicht zur Melodie von Julia Neigel passte, wurde der Titel von Julia und Andreas am Piano der Gesangsmelodie folgend entsprechend geändert. Es gab damals zu keiner Zeit ein Notenblatt oder eine Melodie in Form einer Keyboardspur, lediglich ein Tape mit Harmonien/Akkorden, die letztendlich aufgrund Julia Neigels Melodie oft nicht mehr zum End­er­gebnis passten. Michael Werner schilderte in seiner Erklärung, dass es sich bei den anderen Titeln ähnlich verhielt: Die Texte und Melodien kamen von Julia Neigel, während die Band im Probe­raum Harmoniefolgen kreierte. Später wurden dann die Harmonien dem Text und der Melodie entsprechend geändert. (Michael Werner war bei verschiedenen Sessions wie auch beim Proben anwesend.)

In einer anderen eidesstattlichen Erklärung des ehemaligen Mitgründers und Bassisten der Jule Neigel Band, Frank Schäfer, ist zu erfahren, dass von 1986 bis 1990 Axel Schwarz und Andreas Schmid Demo-Material erstellten, das keine Melodieführung enthielt. Die Playbacks hatten einfache und übliche Harmoniefolgen, die ohne Gesang den Song nicht erkennen ließen. Es war, so Schäfer, eine Aneinanderreihung von Har­mo­nien/Akkorden ohne Melodie. Schäfer schilderte dann, dass Julia Neigel aufgrund dieser Mate­ria­lien den Text und die Melodie geschaffen hatte. Dies könne er für die erste CD „Schatten an der Wand“ für alle Titel, außer „Weiße Felder“, bezeugen. Ebenso für das Lied „So wie noch nie“. Diese genannten Titel entstanden damals zum Teil in seiner Begleitung in seiner Wohnung.
Auch der Toningenieur Ronald Prent schilderte in einer eidesstattlichen Versicherung, dass Julia Neigel die Melodien im späteren Zeitraum ab 1993 (er mischt alle Studioalben Julia Neigels seit dem Album „Herzlich Willkommen“) über vorhandene Demos zusammen mit dem Text erfunden hatte. Es war auch so, so Prent, dass die Demos immer entweder vom Keyboarder Axel Schwarz oder dem Gitarristen Andreas Schmid aufgenommen wurden und Julia Neigel dann aber die Melodien und die Texte erfand.

Julia Neigel | Foto:Christian Barz

Auch andere Zeugen erklärten in zum Teil eides­stattlichen Versicherungen und bei Gericht, dass Julia Neigel die Urheberin fast aller Melodien und zudem aller Texte der Jule Neigel Band war und ist. Und sie erklärten auch, dass Julia Neigel zum Teil ebenso selbstständig ohne jegliche Demo­bänder mit Playbacks Melodien erfand, mit denen danach Lieder aufgenommen wurden – genauso wie es möglich war, dass sie auf Playbacks Melodien erfand, die danach entsprechend ihrer Melodie und weiteren Arrangementideen ange­passt wurden. In Aussagen, wie z.B. die von Peter Maffay vor Gericht (Zeugenaussage LG Mannheim, Verfahren wegen 66 Songs) oder auch die des Produzenten Ralf Zang (Zeugenaussage LG Mannheim, Verfahren wegen 66 Songs), kann man erfahren, dass für die Zeugen die Musikerin Julia Neigel der eindeutig kreative Kopf der Band war. Und nicht nur das: Die Fähigkeiten des Key­boarders Axel Schwarz und von Andreas Schmid wurden in Sachen Kompositions­fähigkeit komplett infrage gestellt (Zeugenaussage Zang, Zeu­genaussage Schneck – LG Mannheim wegen 66 Songs). Axel Schwarz wäre gar laut Zeugen als Keyboarder so schlecht gewesen, dass er bei der Produktion des Albums „Schatten an der Wand“ nicht einmal mehr hat mitspielen dürfen (Schneck, Zang, Verfahren wegen 66 Songs). Auch Julia Neigel behauptete in einigen Inter­views, dass die aus ihrer Sicht zudem mindere handwerkliche Fähigkeit des Keyboarders Schwarz ihr große Probleme in der Umsetzung ihrer Pro­duktionen und Konzerte machte. Laut ihr war die Zusammenarbeit mit ihm auch schon alleine des­wegen immer eine Qual für sie.
Kommen wir auf das zurück, was wirklich in den Anfängen der Karriere Julia Neigels also geschah: Trotz all dieser wohl tatsächlichen und durch Zeugen dargestellten musikalischen Ab­läufe trug sich Axel Schwarz bei Beginn der Karriere der damals grade mal 20-jährigen Julia Neigel am 9. November 1987 bei der GEMA für den Song „Schatten an der Wand“ zu 50% als Mitkomponist ein, obwohl er schon damals hätte wissen müssen, dass in Deutschland gemäß Ur­he­berrechtsgesetz nur der Melodien-Erfinder eines Werks/Songs ein Urheberrecht als Komponist hat, hingegen ein Akkordsetzer als Arrangeur be­zeich­net wird.

Der scheinbar schlaue Axel Schwarz beließ es allerdings nicht bei diesem Eintrag bei der GEMA für „Schatten an der Wand“, sondern teilte der GEMA Berlin am 26.02.1988 in einem handschriftlich verfassten Schreiben die Korrektur­an­weisung mit, dass bei diesem damaligen Hit als Komponist ausschließlich Axel Schwarz zu 100% einzutragen sei. Und dies zeitgleich zu dem Um­stand, als klar war, dass das Lied von einer Plat­ten­firma veröffentlicht wird! Gelungen ist Schwarz diese Ummeldung ohne schriftliche Zu­stimmung durch Julia Neigel, da ihm sicher klar gewesen ist, dass Julia Neigel zum Zeitpunkt der Erst- und Ummeldung von „Schatten an der Wand“ kein GEMA-Mitglied war und somit von einer Entfernung ihrer Komponistenrolle bei der Erstmeldung des Lieds seitens der GEMA nicht informiert werden und sich nicht zur Wehr setzen konnte. Und auch nicht würde. Denn: Es war inner­halb der Band allgemein bekannt, dass die junge Musikerin geschäftlich völlig unerfahren und ihr damaliger älterer Freund und Gitarrist Andreas Schmid sehr dominant war. Und: Vor der Um­mel­dung erklärten ihr Schwarz sowie Andreas Schmid und auch die restlichen Mitglieder der damaligen Band – laut Julia Neigel und weiterer Zeugen (Paqué, Werner, Schäfer) -, dass Julia Neigel eigentlich gar keine Ansprüche als Komponistin habe, da sie weder Noten lesen noch diese schreiben könne noch ein Harmonieinstrument spiele. Die kaum volljährige Julia Neigel glaubte dieser Aus­­­sage. So erzählen es Zeugen und auch sie. Und so ließ sich Schwarz auch bei allen Infor­ma­tionen an die Schallplattenfirma und den Verleger zu 100% als Komponist des damaligen Hits „Schatten an der Wand“ eintragen und benennen (Verlagsvertrag mit Chappell/Hamburg vom 26.02.1988, Original-CD-Veröffentlichung vom Jahre 1988 und vom 15.09.1996).

Diesen Hundert-Prozent-Anspruch auf die Ur­he­ber­schaft als Komponist übertrug Schwarz auch auf die Songs „Es gibt zu viele Wege“, „Nie mehr miese Zeiten“, „C’est ca Ma vie“, praktisch auch auf all die Songs, für die zumeist Julia Neigel damals die Melodien erfunden hatte. Das gleiche ahmte Andreas Schmid bei anderen Liedern nach. Er meldete sich bei Liedern als Komponist, bei denen seine damalige Freundin die Melodien er­funden hatte. Über Axel Schwarz und Andreas Schmid muss damals bis zum Gerichtsbeginn im Jahre 2004 und 2006 ein wahrer Geldsegen seitens der GEMA und GVL hereingebrochen sein, denn die damaligen Titel waren zum Teil deutsch­­landweit äußerst populär, zum Teil wurden sie auch regelrechte Hits. Julia Neigel veröffentlichte in der Zeit der Zusammenarbeit sechs Alben und machte etliche große Tourneen. Während sich Schwarz und Schmid wohl über diesen Geld­fluss gefreut haben, lag Julia Neigels Selbstbe­wusst­sein als Komponistin und unabhängige Musikerin mehr und mehr am Boden, da sie die Haupt­arbeit machte und im Verhältnis dazu wenig bekam. Sie war furchtbar unglücklich, sprach von der Un­ter­drückung und Täuschung durch beide und fühlte sich wie eine Sklavin und Geldmaschine für die anderen. Die Trennung von den beiden schien ihr wie ein Er­wachen und Befreien. All dies er­klärte sie später in einem Interview.
Natürlich kann nur jedem klar sein, dass Julia Neigel, die nach und nach die Feinheiten des Ur­heberrechts seitens verschiedener Fach­leute erst ab 2003 kennengelernt hatte, sich als die wohl eigentliche und zudem wahrscheinlich alleinige Kom­ponistin, als Melodienfinderin, der meisten Songs betrogen gefühlt haben muss. Sie versuchte damals zuallererst, eine außergerichtliche Lö­sung herbeizuführen. Axel Schwarz und Andreas Schmid antworteten darauf mit der Drohung, über sie Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, die ihrem Ruf schaden würden. Julia Neigel kündigte nach dem Scheitern von Ge­sprächen darüber eine Presse­konferenz an. Ihr Bericht über derartige Drohungen entspricht wohl der Wahrheit: Denn der Promoter von Julia Neigel wurde daraufhin vom Anwalt des Axel Schwarz angerufen. Dieser drohte, falls er für Julia Neigel eine Pressekon­fe­renz organisiere, würden ihn – sinngemäß – un­angenehme Folgen ereilen. So in etwa steht es in seiner eidesstattlichen Versiche­rung (Sascha Hoff­mann) …

Julia Neigel hielt aber trotz der Umstände die Pressekonferenz ab und kündigte 2004 eine Klage wegen „Schatten an der Wand“ gegen Axel Schwarz an. Dieser Song sollte ein Präzedenzfall sein und würde andere Klagen nach sich ziehen. Kurz darauf verschickte der Anwalt von Schwarz ein Fax an entsprechende Redaktionen, in denen eine „Klarstellung“ durch Schmid und Schwarz verfasst wurde (Fax vom 10.09.2004), mit der Bitte um Veröffentlichung ihrer Stellungnahme. In dieser wird sinngemäß behauptet, dass beide das Pro­dukt Jule Neigel zugunsten derer beider Karrieren zum Erfolg geführt haben wollen und nun Julia Neigel undankbar sei. Sie stellen sich als Julias Opfer dar. In dieser Stellungnahme wurde zudem auch noch als Erklärung für ihren Klage­willen vermutet, dass sie bezeugen könnten, dass Julia Neigel psychische Probleme habe. Anders könne man sich das nicht erklären. Und der An­spruch auf Ummeldungen von Komposi­tio­nen sei zudem auch deshalb ungerecht, da Julia Neigel ja immerhin ihre Text­auto­ren­anteile für sich ganz alleine habe …

Der Berufsethos hinderte die Journalisten, dieses Fax zu veröffentlichen. Julia Neigel erfuhr davon und begann, ihre ersten Strafanzeigen zu erstatten.
In etlichen Interviews beschrieb sie, dass sie ab dieser Zeit häufig bei der Polizei saß und An­zeigen wegen Bedrohung, Betrug, Verleum­dung, Erpressung erstattete und zudem gemobbt wurde: Denn bei Drohungen um ihren Ruf blieb es nicht. Je länger die juristische Auseinander­setzung ging, desto mehr wurde sie außerhalb des Gerichtssaals gejagt. Dutzende anonyme Mord­­drohungen führten zu Polizeischutz im Kon­zert. Die Erklärung für die Drohungen seitens des/ der anonymen Täter/s war, dass sie es gewagt hatte, Musiker zu verklagen. Und das war wohl nicht das Einzige: Kollegen wurden angegangen.

Ein Anruf durch Schmid bei Peter Maffay während einer Bewerbung als Gitarrist bei ihm mündete im Versuch, ihren Leumund bei ihm zu zerstören. Maffay nahm einen anderen Gitarristen. Auch andere Kollegen berichteten ihr über diffamierende und unwahre Behauptungen, die sie seitens des Umfeldes der Beklagten hörten – die sie dann immer wieder zu korrigieren hatte. Julia Neigel verklagte nun Axel Schwarz vor dem Land­gericht. Und auch da begann die Erstreaktion seitens Schwarz mit dem Antrag, die Klage abzu­weisen, da Julia Neigel aus Sicht des Beklagten – sinngemäß – nicht gerichtsfähig und psychisch krank sei und sozusagen Hirngespinste habe. (In den ersten Schriftsätzen von RA Fischer beantragte dieser ein Gutachten zur Gerichtsfähigkeit von Julia Neigel – das Wort „Hirngespinste“ fiel in einem anderen Prozess durch einen anderen Anwalt.)

Doch das erste Ergebnis war ein Punktsieg für die Klägerin: Die zulässige Klage (seitens Julia Neigel) sei begründet! Der Klägerin gebühre z.B. als Schöpferin der Gesangsmelodie ein Miturhe­beranteil von zumindest 50% an der Kompo­si­tion des streitgegenständlichen Musikwerks „Schatten an der Wand“. Um den Beweis zu erbringen, be­nennt Julia Neigel Zeugen und legt altes Original-Demomaterial von Axel Schwarz vor, auf dem sich keine Gesangsmelodie befindet und das laut einem weiteren Richter dabei war, nur als „Stück“ be­zeichnet wird. Das Landgericht kommt zum Schluss: Der Beklagte Schwarz ist verpflichtet, einer entsprechenden Änderung der GEMA-Re­gistrierung zuzustimmen.

Dieser Prozess entfaltete unserer Auffassung nach allein danach schon erheblichen und skandalösen Zündstoff. Aber es kommt noch besser. Warum?

Schwarz ging in Berufung zum Ober­landes­gericht Karlsruhe. Julia Neigel stockte hingegen ihren Anspruch an der Komposition des Liedes von 50 auf 100% auf und stellte aus diesem Grunde Klageerweiterungsantrag. Ihre Begrün­dung: Ihre Kenntnisse bezüglich der Kompo­si­tions­definition seitens der GEMA und anderen In­sti­tutionen und weiteren Kapazitäten seien verbessert worden und sie wisse erst jetzt durch diese, dass die Gesangsmelodie in ihrem Falle die alleinige Komponistenschaft eines Werks bei der GEMA begründe. Sie legte entsprechende Erklärungen und Gutachten bezüglich der De­fi­ni­tion einer Komposition in Sachen Pop- und Rock­musik durch Fachleute vor. Das Oberlandes­gericht gab der Klageerweiterung von Julia Neigel statt, obwohl eigentlich Schwarz Berufung gegen das Urteil um 50% eingelegt hatte. Und dann kam eine ungewöhnliche Wendung: Schwarz lenkte ein und war bereit, sich zu vergleichen. Wie kam es zu dieser Sinneswandlung? Möglicherweise, weil das Gericht Axel Schwarz’ Aussage nicht glauben wollte, dass die Klägerin psychisch krank sei und Klage annahm? Hä? Möglicher­weise aus Angst vor den Folgen der während des Prozess­geschehens am Landgericht aus dem Archiv der GEMA aufgetauchten Ummeldung bezüglich des Liedes selbst? Julia Neigel hatte nämlich deswegen Strafanzeige gegen ihn erstattet und die Er­mittlungen führten später zu einem Strafver­fah­ren wegen des Verdachts des Betrugs gegen ihn. Oder vielleicht ob der vermutbaren Peinlich­keit, die sich im Erstverfahren dieses Prozesses aufgetan hatte bei seinem Zeugen? Zuerst hatte Schwarz nämlich behauptet, dass er zu Recht alleiniger Komponist des Liedes sei, die Meldung sei korrekt. Als die Klägerin dann aber seine GEMA-Meldung und die darauf folgende Um­mel­dung zum Lied „Schatten an der Wand“ aus dem GEMA-Archiv vorlegte, die sie erst zu diesem Zeitpunkt wegen des Prozesses überhaupt bei der GEMA einsehen durfte, änderte er seine Aussage. Denn in der Erstmeldung bei dem Werk hatte er selbst – wie vorhin beschrieben – sie zu 50% als Komponistin angegeben, um sie dann Monate danach wieder aus der Meldung rauszuwerfen, während er gleichzeitig bei Gericht be­hauptet hatte, dass die Klägerin an dem Lied nicht komponiert habe. Dies widersprach sich für alle sichtbar. Und wie durch ein Wunder kam dann von ihm ein völlig neues Argument, eine neue Er­klärung für all diese Widersprüche: Schwarz be­hauptete nun plötzlich, er erinnere sich doch, sie habe komponiert, aber Julia Neigel habe auf ihren Anspruch als Komponistin damals mündlich verzichtet – 1988 im Proberaum. Nur deswegen habe er sie aus der Meldung entfernt. Wie? Einfach so, bei einem Hit, um den sich damals schon alle rissen? Und hinzu komme, er habe einen Zeugen: Oh ja, wer sonst als Andreas Schmid. Welch Zufall aber auch …

Die Rolle des ehemaligen Schlag­zeu­gers Thomas Ludwig als Zeuge hatten wir in unserem ersten Bericht in Sachen Neigel ja schon ausgiebig erörtert. Nun kommen wir aber zu der so un­rühmlichen Rolle des ersten Lebenspartners und damaligen Gi­tar­risten von Julia Neigel, Andreas Schmid, mit dem sie seit ihren 15. (!) bis zu ihrem 28. Lebens­jahr zusammen gewesen war.

Möglicherweise war Schwarz während seiner Berufung plötzlich deswegen dazu bereit, Julia Neigel entgegenzukommen, da während der Zeu­gen­­aus­sage des Andreas Schmid beim Land­ge­richt De­likates aufgedeckt wurde? Mög­licherweise ahnte er, dass die Zeugenaus­sage von Andreas Schmid zu einem späteren Strafverfahren gegen ihn wegen des Verdachts einer Falschaussage und zu einer Zurücknahme seiner Aussage am Land­gericht und zu Geld­buße führen würde? Denn Schmid bestand darauf, bei einem mündlichen Verzicht von Julia Neigel auf ihre Kom­posi­tions­rechte beim Lied „Schatten an der Wand“ gegenüber Schwarz 1988 anwesend gewesen zu sein. Und dann steht da noch etwas im Protokoll des Prozesses, was, so finden wir, einem moralisch anständigen Musi­ker den Atem komplett verschlägt: Auf die Frage von Julia Neigel bei seiner Zeugenaussage bei Gericht (siehe Protokoll Schmid, LG Mann­heim), wer denn die Melodie von der B-Seite der Single „Schatten an der Wand“, dem Lied „Immer auf’m Sprung“, erfunden haben soll, bei dem Schmid übrigens als alleiniger Komponist bei der GEMA eingetragen war, musste er – unter Protest des Anwalts von Schwarz – auf Aufforderung des Gerichtes antworten. Er wird über seine Wahr­heitspflicht be­lehrt. Schmid verweigert daraufhin die Aussage, um – so wortwörtlich – sich nicht selbst einer Straftat zu überführen (Zitat Zeugenaussage Schmid LG Mannheim). Wir finden das alles sehr, sehr delikat und beschämend.

Entsprechendes stand im Urteil des Land­gerichts: Der Richter erklärte, dass die Aus­sagen bezüglich eines Verzichts zwischen Schmid und Schwarz abgesprochen wirkten und die Gefähr­dungslage für Frau Neigel damals aufgrund der Beziehung und ihrer Unerfahrenheit zu Andreas Schmid hoch war. Julia Neigel stellte die Beweis­mittel des Prozesses ins Netz und erstattete er­neut Anzeige wegen ver­suchten Pro­zess­be­trugs. Julia Neigel hatte also ihren angekündigten Präze­denz­fall ge­wonnen und es kamen dubiose Hin­ter­gründe dabei zum Vorschein …

Wir kommen also mit diesem Hin­ter­grund zurück zur Berufung durch Schwarz: Möglicherweise waren all diese Punkte ausgesprochen un­an­ge­nehm für ihn, sodass danach sein Ansinnen war, Julia Neigel dazu bewegen zu müssen, über all diese Aspekte in der Öffentlichkeit nicht mehr zu reden. Davon muss man ausgehen, denn er verglich sich plötzlich zugunsten von Julia Neigel, obwohl er zuvor Berufung bei weit geringeren Anspruchs­forde­run­gen durch sie eingelegt hatte. Er stellte dafür nur eine Be­dingung: Frau Neigel sollte über die Inhalte des Prozesses am LG Mannheim öffentlich nicht sprechen. Ist das ver­wunderlich? Julia Neigel ließ sich zwei Wochen Bedenkzeit und stimmte zu, da ihr die Zeit wegen weiterer An­sprüche davonrannte. In diesem zweiten Verfah­ren vor dem Ober­landes­gericht wurde also der Vergleich ge­schlos­­sen, dass sich beide Parteien verpflichteten, gegenüber der GEMA innerhalb von zwei Wochen nach Ablauf der vereinbarten Widerrufsfrist zu erklären, dass die Rechte an der Komposition des Titels „Schatten an der Wand“ der Klägerin Julia Neigel – diesmal nicht zu 50, sondern zu 75 % – und dem Be­klagten Schwarz zu 25 % zustehen. Julia Neigel verpflichtete sich, über die Inhalte des Pro­zesses nicht in der Öffent­lichkeit zu sprechen und muss als Ergebnis auf den Vergleich hinweisen. Spätere Versuche, auch nur zu behaupten, dass sie die Melodie von „Schatten an der Wand“ er­funden hat, was an und für sich laut Ge­richts­akte eine Tatsache ist, wird ihr danach durch Schwarz mit Unterlassungs­klageandrohung und auf Be­ru­fung des Ver­gleichs mit Strafen verboten. Die Folge des Vergleichs ist: Sie muss Geld bezahlen, wenn sie die Wahrheit sagt. So waren also Schwarz’ Frie­densange­bote. Den Vergleich ging Julia Neigel nur ein, wie sie danach unter Freun­den bedauernd äußerte, da sie sich auf einen noch größeren Prozess vorbereiten musste und es noch Jahre gedauerte hätte, bis sie ein Ergebnis be­kommen hätte. Sie würde das nie mehr machen und bereue, jemals auch nur davon ausgegangen zu sein, dass Schwarz jemals Skrupel hatte. Sie habe nicht abschätzen können, dass sie nicht einmal mehr die Wahrheit sagen dürfe. Sie musste außerdem eine Klage um 66 Songs einreichen mit gleichem Inhaltsan­spruch, bei der die Frist drängte. Schwarz schien zudem einsichtig. Sie wollte dabei auch schon ein Ergebnis ihrer grundsätzlichen Ansprüche vorlegen. Hätte sie durch­geklagt, hätte dies Jahre gedauert, erklärte sie ihre Ent­schei­dung. Bei der zweiten Klage, bei der Schwarz und Schmid verklagt wurden, sei zudem ein immenser Aufwand erforderlich und sie brauche dafür ihre Ka­pazitäten.

In einem weiteren Klageverfahren streitet nun Julia Neigel seit 2006 also gegen Schwarz und Schmid gemäß Urheberrecht um die gerichtliche Anerkennung ihrer Arbeit an sechs Alben und dass sie zu 100% als Kom­ponistin der weiteren Songs bei der GEMA gemeldet wird – und das rückwirkend. Außerdem hat sie den früheren, beendeten Partnerschafts­vertrag zwischen ihr und den beiden Beklagten wegen Arglist rückwirkend an­fech­ten lassen und fordert die Lizenzeinnahmen aus ihren alleinigen Platten­verträgen von beiden zurück. Die Klagesumme beläuft sich „nur“ auf über 300 000 Euro, bei einem laut Julia Neigel tatsächlichen Schaden von mehr als 2 Millionen Euro. Eine höhere Klagesumme würde aber nichts mehr bringen, sagt sie. Etliche Strafanzeigen liegen der Staatsanwaltschaft vor, die immer noch ermittelt. Zur Klärung beauftragte das Landgericht Mannheim im Zivilprozess jetzt einen Gutachter, der herausfinden soll, wie viel Prozent Kom­positionsanteil aufgrund ihrer erfundenen Gesangsmelodien Julia Neigel zustehen (für vier Songs, die nun schon von diesem Gericht als bewiesen erachtet werden – wohl als erstes Beispiel). Unter den derzeit zu prüfenden Songs sind zwei weitere große Hits.

Damit steht bis heute fest, dass Axel Schwarz nach Sachlage des bisherigen Urteils am LG Mannheim und selbst nach dem für Julia Neigel zwei­schneidigen Vergleich am OLG Karlsruhe zu „Schatten an der Wand“ jahrelang zu Unrecht zu hohe Urheberrechtstantiemen seitens der GEMA vereinnahmt hat. Und das bei schon festgestellten vier weiteren Songs – und wie wir aus der Konkludenz der Fakten und Zeugenaussagen heraus mit hoher Wahrscheinlichkeit auch vermuten müssen, haben Schwarz und Schmid dasselbe bei vielen weiteren Songs getan.

Und nicht nur das. Die GEMA ist die eine Sache, die GVL- und Platten­lizenzen die andere. Axel Schwarz hat die Keyboards für alle Songs des ersten Albums „Schatten an der Wand“ nicht selbst eingespielt – obwohl er sich bei allen Songs belegbar als Keyboarder dieser bezeichnet hat (siehe Schriftstück aus 1988 mit Unterschriften aller Bandmitglieder und Wieder­veröffentlichung – zweites Cover „Schatten an der Wand“). Er hat aber jahre­lang Lizenzen durch Julia Neigel erhalten und diese bei der GVL für das gesamte Album eingereicht, da also auch noch kassiert. Und auch das über mehr als ein Jahrzehnt. Der tatsächliche Keyboarder ging leer aus. Julia Neigel hat von diesem Umstand erst 2004 erfahren. Auch diese Um­stände sind delikat, wie wir finden. Und mit dieser Art „Lorbeeren“ ist er im Moment noch als Dozent für Keyboards an der Popakademie Mannheim tätig.
Aber dies alles ist eine weitere delikate Geschichte, die an späterer Stelle hier erzählt wird …

Text: Ole Seelenmeyer | Fotos: Christian Barz

Redaktion

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Eine Reaktion zu Eine endliche Geschichte über wahrscheinlichen Urheberrechtsdiebstahl unter Musikern – Teil 2

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