Eine endliche Geschichte über wahrscheinlichen Urheberrechtsdiebstahl unter Musikern

Viele von uns kennen die populäre Rocksängerin aus den 80er- und 90er-Jahren Julia Neigel (z. B. mit ihrem Hit „Schatten an der Wand“). Gemeinsam mit ihrer Band und ihren Bandkollegen Axel Schwarz, Andreas Schmid, Thomas Ludwig und anderen Begleitmusikern eroberte Julia Neigel die Hitparaden und Bestenlisten. Sie spielte und tourte mit ihrer Band in zahlreichen Konzerten und Tourneen erfolgreich durch Deutschland und andere europäische Länder, bis es eines Tages dazu kam, wie es leider unter Musikgruppen viel zu oft vorkommt: Es knallte und die Band ging im Streit auseinander. Freundschaften wurden beerdigt, die Einnahmen versiegten – bis auf die Urheberrechtstantiemen durch die GEMA für die bis dahin komponierten und veröffentlichten Kompositionen, Texte und Arrangements. Aufgrund der Popularität vieler Songs der „Jule Neigel Band“ müssen bis heute erhebliche Urheberrechtstantiemen in die Taschen der sogenannten „Erfinder“ der Kompositionen und Arrangements geflossen sein, seltsamerweise aber nur zu einem geringen Teil in die Taschen Julia Neigels.

So begann Julia Neigel 2003, dieses seltsame Ausschüttungsphänomen der GEMA und die ihr damals dazu geäußerten Gründe durch ihren Gitarristen und Keyboarder zu hinterfragen, da sie doch bei den meisten Songs der „Jule Neigel Band“ ihrer Auffassung nach nicht nur die Texterin, sondern auch als Melodienerfinderin die Komponistin sei. Nach Rücksprache mit Anwälten stellte sich für sie heraus, dass sich der damalige Keyboarder Axel Schwarz und ihr damaliger Lebenspartner Gitarrist Andreas Schmid für die meisten Werke der „Jule Neigel Band“ als Urheber, also Komponist, zu Unrecht hatte eintragen lassen – eben mit der immer wieder vor allen Bandmitgliedern propagierten Begründung, immerder sei der Komponist, der das Arrangement, also den Songablauf mit den Harmonien/Akkorden und Instrumentierung kreiert – und nicht der Melodienerfinder. (Julia Neigel kann kein Harmonieinstrument spielen und auch nicht Noten schreiben. Der Name „Jule Neigel Band“, der keine Erfindung von Julia Neigel, sondern der damalige Wunsch ihrer Instrumentalisten, insbesondere von Axel Schwarz, war, führte zudem zu einer Beteiligung an den alleinigen Plattenverträgen von Julia Neigel.)

In vielen Aussagen verschiedener Zeugen stellte sich schnell klar heraus, dass bei vielen Songs in den Anfängen der „Jule Neigel Band“ Akkordsysteme mit unterlegten Instrumentaleinspielungen seitens Schwarz und Schmid vorgelegt wurden und Julia Neigel dann – so ihre Aussage – auf diesem Fundament die Melodien entwickelte. In einer eidesstattlichen Versicherung vom 24.05.2006 stellte der damalige Schlagzeuger Thomas Ludwig für das inzwischen eingeschaltete Gericht fest, dass er als langjähriger Schlagzeuger der „Jule Neigel Band“ (festes Mitglied bis 1992) bestätigen könne, dass „Frau Neigel sämtliche Gesangsmelodien der Songs dieser Formation alleine geschaffen hat“. Dazu, so Ludwig, wurden Frau Neigel von Schwarz und Schmid meist Demo-Kassetten zur Verfügung gestellt, die jeweils noch nicht über Melodielinien verfügten. Ludwig führte in dieser Erklärung aus, dass auf Grundlage dieser Kassetten Frau Neigel anschließend die Gesangsmelodien entwickelte, und zwar ohne jede Mitwirkung von Schwarz und Schmid (bis auf wenige Ausnahmen). Etliche Songs sind auch ohne diese Demo-Kassetten entstanden, und zwar so, dass Julia Neigel von sich aus die Gesangsmelodien den anderen Musikern vorsang und auf dieser Grundlage die Songs arrangiert wurden.

Aber es geht weiter: Thomas Ludwig versicherte eidesstattlich am 24.05.2006, dass sich Schwarz und Schmid stets als „Chefs“ der Band dargestellt haben, und zwar unter Hinweis darauf, sie seien als Akkordspieler die Komponisten der Songs (so durchgeknallt es klingt: Gleiches behauptete auch ein Rechtsanwalt aus Hamburg gegenüber dem DRMV). Ludwig führte weiter aus, dass dementsprechend Schwarz und Schmid gegenüber Julia Neigelmehrfach behaupteten, diese könne als bloße Sängerin keine Komponistin im Sinne der Vorschriften der GEMA sein! Auch Ludwig wurde von diesen beiden erklärt, er könne als Schlagzeuger kein Komponist sein, weil er gleichfalls nicht in der Lage sei, Akkorde zu erzeugen! Ludwig führte aus, dass gerade „Schwarz, der allgemein sehr autoritär auftrat und zur Beschimpfung der anderen Bandmitglieder neigte, keinerlei Diskussion in dieser Beziehung duldete“ (Ludwig erklärte in dieser eidesstattlichen Erklärung, dass Schwarz Mitglied einer „Selbsthilfegruppe“ zur Steigerung des Selbstbewusstseins war, und zwar unter dem Motto dieser Gruppe „Mut zum Arschloch“). Schwarz soll Ludwig mehrfach davon im Jahre 1988 berichtet haben. Leider fand Schwarz damals in Andreas Schmid, dem ehemaligen Lebenspartner von Julia Neigel, und dem Gitarristen der Band einen Unterstützer.
Ludwig führte in dieser eidesstattlichen Erklärung weiter aus, dass der gesamte Schriftverkehr mit der GEMA, insbesondere die Anmeldung der Songs, damals von Schwarz erledigt wurde, der behauptete, auf diesem Gebiet über besondere Kenntnisse zu verfügen! (Hört, hört!) Die anderen Bandmitglieder der „Jule Neigel Band“ hatten ihm vertraut, zumal er behauptete, eine klassische Musikausbildung zu haben und über besondere Kenntnisse des Urheberrechts informiert zu sein. (Die Aussage des Thomas Ludwig vom 24.05.2006 decken sich im Übrigen sinngemäß in vielen Teilen mit den jeweils zeitlich auf die in diesen Falle hauptsächlichauf das erste Album bezogenen Aussagen des ehemaligen Bassisten Frank Schäfer, der ehemaligen Chorsängerin Angelika Paqué und des damaligen Tontechnikers Michael Werner.)

Schwarz, neben seinem Mitstreiter Schmid, scheint tatsächlich über einen äußerst zwiespältigen Charakter zu verfügen, sagte doch der ehemalige Co-Produzent der „Jule Neigel Band“ Harald Schneck vor dem Landgericht Mannheim in 2007 Folgendes aus: „Auf dem ersten Album habe ich, Harald Schneck, alle Keyboardparts eingespielt, auch die Arrangements sind von mir. Schwarz war zum Zeitpunkt der Albumproduktion nicht in der Lage, im Studio zu spielen.“ Dazu berichtete er auch, dass er die erste Single „Schatten an der Wand“ und deren B-Seite, die vor der Hauptproduktion schon als Demo vorhanden war, mit neu eingespielten Keyboards versah, da man das so nicht stehen lassen konnte. Und Schneck geht noch weiter: „Schwarz saß die ganze Zeit neben mir, hat nur zugeschaut und sich später bei der Rechteverwertungsgesellschaft GVL als Musiker eintragen lassen, um die GVL-Leistungsrechtstantiemen zu kassieren“. Schwarz, so Schneck, schmückte sich mit fremden Federn.

Im CD-Booklet ist Schwarz tatsächlich als Keyboarder für das gesamte Album aufgeführt, Schneck hingegen nur als Gastmusiker. Der bekannte und erfolgreiche Keyboarder Schneck spielte schon für Westernhagen, Aretha Franklin und Tom Jones. Und wie viele andere bestätigte auch er vor Gericht, dass alle Melodien von Julia Neigel stammen und eben nicht von Schwarz, der sich nur um die Akkorde gekümmert haben soll. Dies wisse er auch deshalb, da wegen der Arbeitsüberlastung der Künstlerin bei neuen Songs für das Album die gesamte Produktion ins Stocken geriet und sogar Schwarz und Schmid im Studio erklärten, sie bastle noch an den Melodien und den Texten für die Songs des Albums. Soweit zum Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Mannheim.
Wenn dies alles so stimmt, wie es die Zeugen Thomas Ludwig und Harald Schneck, aber auch Frank Schäfer, Angelika Paqué, Michael Werner und wohl noch andere Zeugen behaupten und ausgesagt haben, müsste Axel Schwarz tatsächlich nicht nur die Leistungsschutzrechtstantiemen seitens der GVL als angeblich ausführender Musiker, sondern zusammen mit Schmid auch die erheblich höheren Urheberrechtstantiemen seitens der GEMA für Komponisten der tatsächlichen Urheberin „kassiert“ haben – und das über Jahrzehnte!

Julia Neigel | © Manfred Esser

Prozessverfahren mit der Überschrift: „Musik-Betrug auf erster Neigel-Platte?““Der Co-Produzent (Harald Schneck) behauptet, Keyboarder Axel Schwarz habe gar nicht mitgespielt.“ Doch die ganze Angelegenheit wird noch verwirrender. In einer vollständig gegensätzlichen zweiten eidesstattlichen Erklärung vom 10.08.2006 erklärte plötzlich Thomas Ludwig, dass er seine erste eidesstattliche Erklärung vom 24.05.2006 zurückzieht – und das, obwohl ihm, Thomas Ludwig, die Bedeutung einer eidesstattlichen Versicherung und ihrer Einreichung bei Gericht klar war und er sich sicherlich über die Folgen der Abgabe einer falschen und unvollständigen eidesstattlichen Versicherung bewusst war. Julia Neigel zeigte daraufhin Thomas Ludwig an und verklagte ihn.

In einer zuvor entstandenen Unterlassungsund Verpflichtungserklärung vom 27.10.2005 musste sich Thomas Ludwig schon einmal gegenüber Julia Neigel juristisch verpflichten, dass er zukünftig in keiner Weise mehr gegen jedermann behauptet, dass er irgendwelche sexuellen Kontakte mit Julia Neigel gehabt oder mit ihr zusammen sexuelle Handlungen getätigt habe. Thomas Ludwig stellte in dieser Verpflichtungserklärung klar, dass seine diesbezüglichen Äußerungen gegenüber Frau Sandra Liebermann und Gabriele Barzcynski frei erfunden waren. Ludwig verpflichtete sich, bei jeder Zuwiderhandlung an Frau Julia Neigel eine Vertragsstrafe in Höhe von 1000,– Euro zu leisten. Er entschuldigte sich bei Julia Neigel für diese frei erfundenen Äußerungen mit größtem Bedauern.

Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, ob Thomas Ludwig tatsächlich ein derart außergewöhnlicher Lügner ist, der laufend irgendwelche Dinge behauptet und sie dann, wenn es opportun ist, widerruft! Es scheint so zu sein! Denn anders sind seine zugegebenen sexistischen Äußerungen über Julia Neigel gegenüber anderen nicht zu deuten – mit der direkten Logik, dass auch seine widerrufene eidesstattliche Versicherung praktisch in den Mülleimer seiner Phantasien gehört.

Aber es geht weiter: In einer dann daraus resultierenden öffentlichen Sitzung des Landgerichts Mannheim verpflichtete sich Thomas Ludwig, es zukünftig zu unterlassen zu behaupten, Julia Neigel habe ihn zu einer Falschaussage im Zusammenhang mit urheberrechtlichen Streitigkeiten mit den früher mit der Klägerin
zusammen arbeitenden Musikern Axel Schwarz und Andreas Schmidt erpresst! Er verpflichtete sich gegenüber dem Mannheimer Landgericht ebenfalls, zukünftig es zu unterlassen, die Klägerin Julia Neigel als „dreckige Schlampe“, „russische Hure“, „russische Fotze“, „Drecksluder“, „russische Drecksau“ und „sibirische Schlampe“ zu bezeichnen. Auch hier musste sich Thomas Ludwig verpflichten, für jeden Fall der Zuwiderhandlung an die Klägerin einen Betrag von 1000,– Euro zu zahlen. Weiterhin musste sich Thomas Ludwig gegenüber dem Landgericht Mannheim dazu verpflichten, an Julia Neigel ein Schmerzensgeld in Höhe von 3000,- Euro zu zahlen. Auch dieses Gerichtsverfahren vom 04.12.2007 zeichnet ein desaströses Bild des Charakters des ehemaligen Schlagzeugers Thomas Ludwig mit dem wahrscheinlichen Endergebnis, dass seine erste eidesstattliche Erklärung gegenüber Julia Neigel tatsächlich der Wahrheit entspricht und damit ein Zeitzeuge von damals klar und deutlich feststellt, dass Julia Neigel fast alle Kompositionen, d. h. Melodien der „Jule Neigel Band“, „erfunden“ hatte und nicht Axel Schwarz und Andreas Schmid. In einer weiteren öffentlichen Sitzung des Landgerichts Mannheim vom 17.03.2008 (das Protokoll liegt dem Musiker Magazin vor) spielte Ludwig gegenüber den Richtern nur noch den Ahnungslosen, er wisse von nichts, habe keine Ahnung, er könne zu bedeutenden Aussagen in Sachen Komposition und Melodie der „Jule Neigel Band“ nichts mehr sagen …

In einem Aktenvermerk aufgrund eines gemeinsamen Gesprächs mit Rechtsanwalt Hoffmann, Julia Neigel und Thomas Ludwig vom 28.09.2005 wiederum erklärte Thomas Ludwig, dass Axel Schwarz sämtliche GEMA-Angelegenheiten – auch für Frau Neigel – erledigt habe. Er allein habe die GEMA-Bögen ausgefüllt. In diesem Aktenvermerk bestätigte zudem Ludwig, dass Julia Neigel während Proben der „Jule Neigel Band“ mit dem vorhandenen Demo-Material oft das Band unterbrach, weil die aufgespielte Musik nicht mehr zu der von ihr erfundenen Melodie passte. Julia Neigel habe zudem auf die Arrangements der einzelnen Musiker eingewirkt und eigene Vorstellungen unterbreitet. Hier bestätigt letztendlich Ludwig also auch, dass die aufgespielte Musik nicht mehr zu den von Julia Neigel erfundenen Melodien passte. (Zeugnis Rechtsanwalt Hoffmann).

Vorausgesetzt, dass dies alles so, wie es scheint, stimmt, dass Axel Schwarz und Andreas Schmid gemeinsam aus einer unglaublichen Dämlichkeit heraus tatsächlich behaupteten, dass sich derjenige als Komponist eines Songs bezeichnen darf, der die Akkorde bzw. Akkordfolgen erfindet, wenn es tatsächlich so ist, dass Julia Neigel, wie alles hindeutet, auf diese Akkordfolgen des dominierenden Schwarz und seinem Mitunterstützer Andreas Schmid die Melodien gesetzt hat, und wenn es tatsächlich so ist, dass Schwarz und Schmid damals völlig allein die Kompositionen bei der GEMA unter deren Namen haben registrieren lassen, dann müssten Axel Schwarz aus Mannheim und Andreas Schmid aus Mutterstadt bis heute sechsstellige Geldbeträge von der GEMA „kassiert“ haben – und eben nicht, wie es vor diesem Hintergrund richtig wäre, die wahrscheinlich eigentliche Komponistin und Texterin der Songs: Julia Neigel.

Eines kann vor diesen anzunehmenden, möglicherweise vorsätzlichen Manipulationen des Axel Schwarz und des Andreas Schmid nur klar sein: Komponist eines Werks/eines Songs ist nach Aussagen von Fachjuristen, aber auch der GEMA, grundsätzlich immer nur derjenige, der eine Melodie erfindet – und natürlich nicht derjenige, der Akkordfolgen oder Songabläufe kreiert. Dieser sei nur Arrangeur.

Julia Neigel, alleinige Vertragsnehmerin mit den Plattenfirmen seit Beginn ihrer Karriere, kämpft seit fast zehn Jahren um ihre Rehabilitation als Komponistin ihrer Songs auf den Alben der „Jule Neigel Band“ und dafür, dass die GEMA endlich den tatsächlichen Urheber hinter den Songs der „Jule Neigel Band“ registriert. Julia Neigel kämpft ebenfalls in diesen Verfahren darum, dass sie die ihr zustehenden Urheberrechtstantiemen der letzten 25 Jahre seitens Schwarz und Schmid zurückerhält. Sie hat im Folgeschluss die zu ihrem Nachteil gediehene Zusammenarbeit beendet und aus dem Irrtum, nicht als Komponistin im Sinne der GEMA zu gelten, die daraus resultierenden GBR-Beteiligungen an ihren Einnahmen rückwirkend bei Gericht entsprechend angefochten und fordert deren Einnahmen ebenso zurück.

Die Gerichtsverfahren dauern an. Der DRMV und das Musiker Magazin werden weiterhin aus den dann vorliegenden Urteilen und Gerichtsunterlagen detailliert berichten, zu welcher Auffassung die urteilenden Richter in diesem Drama gelangt sind. Bleibt zu hoffen, dass die Mannheimer Richter ein gerechtes Urteil fällen!


Text: Ole Seelenmeyer | Foto: © Manfred Esser
LANDGERICHT MANNHEIM, AZ 110217/07 | LANDGERICHT MANNHEIM, AZ 70369/06

Redaktion

Veröffentlicht von

Der Account der Online-Redaktion von Musiker Online, dem Musiker Magazin und dem DRMV.

2 Reaktionen zu Eine endliche Geschichte über wahrscheinlichen Urheberrechtsdiebstahl unter Musikern

Schreibe einen Kommentar