GEMA-Mitgliederversammlung der ordentlichen GEMA-Mitglieder am 23. und 24. Juni 2009

Eine der wohl außergewöhnlichsten GEMA-Mitgliederversammlungen, die es so in der Form nur selten gegeben hat, fand am 23. und 24. Juni 2009 in München statt. Die Versammlung begann damit, dass ein GEMA-Veteran zum Versammlungsleiter bestimmt wurde, der zum einen dieser Aufgabe nicht gewachsen war und zum anderen in der Vergangenheit unübersehbar gezeigt hat, dass er zu den Scharfmachern der GEMA-Hierarchie gehört. Wenn es in den letzten 15 Jahren auf den GEMA-Mitgliederversammlungen demokratisch notwendige intensive Sach- und Fachdiskussionen gab, war es immer wieder diese eine Person, die ans Mikrofon stürzte und den Antrag stellte, die Sach- und Fach-Diskussionen zu beenden. Auf diese Weise war es nur zu oft den GEMA-Mitgliedern nicht möglich, ihre Argumentationen zu bestimmten Anträgen ausführlich zur Diskussion zu stellen.

Die Mitgliederversammlung begann der Versammlungsleiter sogleich mit einem Verbot an einen frisch gewählten Delegierten der außerordentlichen und angeschlossenen GEMA-Nichtmitglieder, verschiedene Kandidaten zur Wahl in den Aufsichtsrat vorzuschlagen – so wie er es anderen ordentlichen GEMA-Mitgliedern zu diesem Zeitpunkt gestattete. Dabei verstieg sich der Versammlungsleiter Hartmut W., seines Zeichens Komponist aus Berlin, in lautes Schreien, als der Delegierte vier Kandidaten benennen wollte, von denen drei schon zuvor genannt wurden.

Der Delegierte hingegen wollte von seinem guten demokratischen Recht Gebrauch machen, seinen Kollegen aus dem Bereich der Rock- und Popmusik, von denen etwa hundert Personen anwesend waren, trotz großer Zweifel verschiedenster Einzelner, bestimmte Kandidaten vorzuschlagen, darunter den jetzigen Aufsichtsratsvorsitzenden und zwei jetzige Aufsichtsratsmitglieder. Die Sabotage des demokratischen Vereinsrechtes ging dann so weit, dass die GEMATechniker dem Delegierten mehrfach das Mikrofon abdrehten. Davon ließ sich dieser allerdings nicht beirren und benannte in aller Ruhe trotzdem seine vier Kandidaten für den Aufsichtsrat – so, wie es sein gutes Recht als Delegierter ist!

Der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Christian Bruhn verabschiedete sich mit einem hasserfüllten Appell an alle anwesenden GEMA-Mitglieder der Komponistenkurie, den sogenannten „Geschäftsmodellern“ das Handwerk zu legen.

Ab diesem Zeitpunkt kippte die Atmosphäre der Veranstaltung!

Wer waren diese „Geschäftsmodeller“? Wo saßen sie? Wie konnte man sie erkennen? Man wollte ihnen unübersehbar an den Kragen! Nachdem die Anträge 25 – 30, die der Aufsichtsrat gegen die „Geschäftsmodeller“ auf dieser Mitgliederversammlung eingebracht hatte, wegen einer Sperrminorität von 88 Gegenstimmen am Dienstag gescheitert waren, war klar, dass unter den ca. 288 Anwesenden etwa 88 „Verräter“, nämlich Anhänger der sogenannten „Geschäftsmodeller“ saßen, die das PRO-Verfahren alle für ihren eigenen Vorteil nutzten. Diese „Geschäftsmodeller“ würden generalstabsmäßig bundesweit und flächendeckend mit Hilfe von sogenannten „Netzwerken“ Konzerte organisieren, um damit sechs- bis siebenstellige Euro-Beträge zu „ergaunern“. Die Geschäftsmodeller wiederum argumentierten, dass sie das vom Aufsichtsrat und Vorstand eingeführte PROVerfahren nach Punkt und Komma legal wie alle anderen ordentlichen GEMA-Profiteure auch – darunter bekannte Komponisten und Verleger – nutzen würden. Die Abstimmungsniederlage vom Dienstag nutzte die GEMA am folgenden Mittwoch dazu, ohne Ankündigung in aller Heimlichkeit diese fünf zuvor gescheiterten Antragspunkte des Aufsichtsrates erneut zur Abstimmung zu stellen. Es ergab sich wieder eine radikalisierende erhitzte Diskussion unter den ca. 600 anwesenden Komponisten, Textern und Verlegern. In einem Fall trat ein von der GEMA „gewendeter“ Delegierter vor das Mikrofon und verlas ein Schreiben eines ordentlichen GEMA-Oppositions-Mitgliedes, in dem dieses verschiedene andere Personen der GEMA-Opposition aufforderte, sich im Saal zu verteilen und getrennt zu verschiedenen Punkten Stellung zu beziehen. Ein empörtes lautes Stöhnen und Fluchen im Saal war die Folge, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass auch der Aufsichtsrat, der Vorstand und die GEMA-tragenden Verbände sich zuvor dramaturgisch abgesprochen hatten.

Auch das konnte jedes an wesende GEMA-Mitglied während der Mitgliederversammlung seitens der Diskussions bei träge verschiedener „vergoldeter Wendehälse“ eindrucksvoll vermerken.

Als dann ein einfacher Kölnscher Karnevalsmusiker aufstand und der GEMA-Mitgliederversammlung und dem neu gewählten Aufsichtsrat klarmachen wollte, in welchem außergewöhnlichen Ausmaß das PRO-Verfahren ihn als Mundart-Musiker-Urheber schädige, weil er im Raum Köln während der Karnevalszeit bis zu 200 Konzerte mit Eigenkompositionen absolvieren würde, stand vor ihm ein ca. 80-jähriger GEMA-Oldie auf mit den Worten: „So seht ihr Verbrecher also aus!“. Ca. sechs Meter hinter diesem armen Karnevalsmusiker fühlte sich dann ein Christian W. (seines Zeichens „Composer“ und „Producer“ aus Frankfurt) genötigt, diesem armen Karnevalisten, der mit den Geschäftsmodellern überhaupt nichts zu tun hatte, (vor verschiedenen Zeugen!) entgegen zu schreien: „Du Gauner, du steckst dir nur die Taschen voll!“ Worauf dieser ehrbare Karnevalsmusiker sich still hinsetzte und kein weiteres Wort mehr zu sagen wagte.

Unübersehbar nahm wie in jedem Jahr an der GEMA-Mitgliederversammlung eine große Anzahl „mobilisierter“ GEMA-Veteranen teil (z. T. über 80 Jahre), denen man klargemacht hatte, dass ihre GEMA-Renten aus der GEMA-Sozialkasse durch die „Geschäftsmodeller“ gefährdet würden und ihre Anwesenheit und Abstimmungen auf der Mitgliederversammlung solidarische Pflicht seien (so ein GEMA-Veteran am Mittagstisch).

Vieles auf der GEMA-Mitgliederversammlung erinnerte eher an die tumultartigen Versammlungen des Deutsches Reichstages zwischen 1930 und 1933: Hass, Hetze, Unterbindung von demokratischen Rechten der Rede- und Vorschlagsfreiheit, ein Minimum an Toleranz, Gräben, die breit und tief quer durch die GEMA getrieben wurden, mit der Absicht, undifferenziert einen Keil zu treiben zwischen den wenigen anwesenden praktizierenden Rock- und Popmusiker-Komponisten/Textern und den sogenannten etablierten „Vielverdienern“, den „ordentlichen GEMA-Mitgliedern“ (zumeist Klassik-, Schlager- und Werbekomponisten!).

Nach dieser Mitgliederversammlung ist klar, weshalb die GEMA in der Vergangenheit die Presse bei den GEMA-Mitgliederversammlungen nicht zugelassen hat!

Text: Ole Seelenmeyer

Ole Seelenmeyer

Veröffentlicht von

Schreibe einen Kommentar