GEMA Widersprüche des neuen Erfassungs- und Verteilungsverfahrens PRO

Innerhalb der letzten Monate installierte die GEMA ein extrem radikales, neues Erfassungs- und damit Verteilungssystem, das eine große Anzahl von Komponistenjexter und Musikverleger aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik in erheblicher Weise finanziell benachteiligt. Weil der Normalsterbliche in dieser Nebellandschaft der Argumentation nicht in der Lage ist, sich über das Für und Wider dieses PRO-Verfahrens ein eigenes Bild zu machen, skizzieren wir hier die Kardinalwidersprüche der GEMA-Argumentationen verbunden mit der Bitte an alle Kollegen, uns auf weitere Kardinalwidersprüche aufmerksam zu machen, die wir dann ebenfalls veröffentlichen werden.

1. Behauptung des Vorstandes und Aufsichtsrates der GEMA in ihrer 8 Punkte-Erklärung: „Alle Musiker, die ihre selbst geschaffenen Kompositionen und Texte selber aufführen, belegen im berechtigten Interesse minutiös jede ihrer Aufführungen, d. h. sie melden zu 100% ihre Werkaufführungen per Programm an. (in Musikfolgebögen an die GEMA – d.R.) Diese Behauptung ist falsch!
Unter den zehntausenden Musikurhebern, d. h. Komponisten und Textern im Bereich der Rock- und Popmusik, schickt der überwiegenden Teil – meistenteils Selbstaufführer – die Werkaufführungen (Musikfolgebögen) nicht an die GEMA. Dies liegt zum einen daran, daß das Heer der Urheber aus dem Bereich der Rock- und Popmusik nicht Mitglied in der GEMA ist (vor allen Dingen die jüngeren), zum anderen aber auch daran, daß ein Großteil dieser genannten Urheber auch dann, wenn sie Mitglied in der GEMA sind, es zum einen versäumen, ihre Songs bei der GEMA registrieren zu lassen, und zum anderen vergessen, ihre in eigenen Konzertaufführungen gespielten Songs via Musikfolgebögen an die GEMA zur Abrechnung zu schicken. Von einer 100 %igen Meldung der Songaufführungen dieser Selbstaufführergruppe via Musikfolgebögen an die GEMA kann also keine Rede sein! Es herrscht unter den Rock- und Popmusikurhebern in Sachen GEMA ein enormes Informationsdefizit. Das liegt vor allen Dingen darin begründet, daß die GEMA leider, anstatt diese Urheber in ihren GEMA-Nachrichten und -Briefen über das „Know how“ der GEMA-Erfassung und -Verteilung verantwortungsvoll zu informieren, meistenteils Hofberichterstattung in Form von Ordensverleihungen, Ehrungen und Selbstdarstellungen veröffentlicht.

2. In ihrer 8 Punkte-Erklärung stellen GEMA-Vorstand und Aufsichtsrat fest, daß nur für ca. ein Siebtel aller U-Musikveranstaltungen Programme eingereicht werden, für etwa sechs Siebtel aller Veranstaltungen der GEMA aber keine Programme / Musikfolgebögen vorliegen. Hierzu stellt Prof. Dr. Kreile in einem Interview zusätzlich fest, daß das neue „genau überlegte“ Verfahren der Methode Pro daraus den Schluß zieht, daß ein Werk, wenn es in mehreren Monaten in mehreren Bezirken gespielt wird, dann auch anderswo in anderen Monaten gespielt wird. Übersetzt heißt dies für Otto Normalverbrauchen. Die GEMA kassiert bei fiktiv 1.000.000 Konzertveranstaltern Veranstalterabgaben. Bei einem Siebtel dieser Veranstalter, nämlich bei ca. 140.000, macht die Rückführung dieser Gelder an die Urheber – nach Abzug einer ca. 14 %igen Verwaltungsgebühr und eines 10 %igen Kulturabzuges – keine Probleme. Wer erhält jetzt aber die einkassierten Urheberrechtstantiemen von 860.000 Konzertveranstaltungen, für die keine Musikfolgebögen der dort gastierenden Musiker vorliegen? Die GEMA gibt darauf die Antwort: Auf keinen Fall erhalten diese unabgerufenen Tantiemen die Selbstaufführer, also die Musiker. die ihre Songs selber komponieren, texten und aufführen, denn diese schicken, wie die GEMA meint, zu 100% ihre Musikfolgebögen an die GEMA. Es sind laut GEMA dagegen die Nichtselbstaufführer, d. h. die Komponisten und Texter. die selbst nicht auf der Bühne stehen, sondern ihre Songs von den Unterhaltungs-, Tanz- und Galagruppen spielen lassen, denen diese Gelder zustehen. Hier handelt es sich um die Komponisten und Texter aus dem Schlager-, Hit- und Evergreen-Bereich (die „zufälliger Weise“ die GEMA maßgeblich in ihren Strukturen beherrschen).
Diese Annahme ist unserer Überzeugung nach falsch!

Richtig ist hingegen, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach das große Heer der zwischen 50.000 und 80.000 Musikgruppen aus allen musikstilistischen Bereichen der Rock- und Popmusik ist, deren Konzerte in Clubs, Gasthäusern, Jugendzentren, Kulturzentren etc. zwar von der GEMA abkassiert werden, die es aber vergessen, sowohl bei der GEMA Mitglied zu werden als auch ihre Musikfolgebögen an die GEMA einzuschicken. Mit Wahrscheinlichkeit ist ein Großteil dieser nicht zuzuordnenden 860.000 Musikveranstaltungen vor allen Dingen diesem großen Jugendkulturbereich zuzuordnen (und nicht dem relativ kleinen überschaubaren Bereich der Gala-, Tanz- und Unterhaltungsorchester). Wenn diese Annahme stimmt, und vieles spricht dafür, dann resultieren die vereinnahmten Konzertmillionen der 860.000 von der GEMA abkassierten Konzertveranstalter, für die aber keine Musikfolgebögen vorliegen, zum überwiegenden Teil aus Darbietungen von Rock- und Popmusikgruppen und nicht, wie die GEMA es annimmt, von „nicht selbstaufführenden“ Tanz- und Gala-Bands, die Hits, Schlager und Evergreens zum besten geben.

3. In ihrer 8 Punkte-Erklärung stellten GEMA-Aufsichtsrat und Vorstand fest, daß die GEMA- Mitglieder über die Einführung des neuen Erfassungs- und Verteilungsverfahrens „PRO“ zur Ermittlung der Aufführungsziffern der Werke in Live-U-Musik-Veranstaltungen durch die GEMA früh- und rechtzeitig informiert wurden und, wie Prof. Kreile in einem Interview in der NMZ mitteilt, im letzten Jahr in einer längeren Debatte ebenfalls mit allen Gutachten vertraut gemacht worden sind. Diese Aussagen sind falsch!

Richtig ist, daß die GEMA-Mitglieder erst ca. zwei Wochen vor der Mitgliederversammlung im Sommer 1998 über die Tagesordnung über das äußerst kompliziert dargestellte und umfangreiche Pro-Verfahren informiert wurden. Eine wie auch immer geartete eingehende Information hatte es vorher zu keinem Zeitpunkt für die GEMA-Mitglieder gegeben. Auch die Aussage Kreiles, daß „die Mitglieder schon im letzten Jahr (1998) in einer längeren Debatte ebenfalls mit allen Gutachten vertraut gemacht worden sind“ ist falsch. Richtig ist, daß es im Rahmen der Mitgliederversammlung (1998) keine Debatte über das PRO-Verfahrens gab. In der Tagesordnung zur Mitgliederversammlung wurde das PRO-Verfahren unter Verschiedenes als einer der Schlußpunkte aufgeführt. Nachdem die gesamte Versammlung in 1998 (Kurienversammlung) in den verschiedensten, auch völlig unwichtigen Tagesordnungspunkten sich bis gegen 21:00 Uhr (geplant?) hinschleppte, wurde der Tagesordnungspunkt „PRO-Verfahren“(der vorher nicht diskutiert wurde) innerhalb von wenigen Sekunden abgehandelt und ad acta gelegt. Hier sei der GEMA attestiert, mit welcher „Klugheit“ sie diesen bedeutendsten Tagesordnungspunkt unter einem nicht abstimmungsfähigen Teil, und zwar unter Verschiedenes, und dann noch zum Schluß der Tagesordnung ansiedelte, zu einem Zeitpunkt. in dem viele Versammlungsteilnehmer bereits verschwunden oder völlig übermüdet waren.

Ole Seelenmeyer

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