Mit Saiten, Seele und System

Wieland Harms ist nicht nur ein leidenschaftlicher Gitarrist, sondern auch ein erfahrener Pädagoge und Buchautor. In diesem Interview gibt er ganz persönliche Einblicke in seinen musikalischen Werdegang, erzählt von den ersten Versuchen auf dem Cello, dem langen Weg zur heißersehnten E-Gitarre und seiner Liebe zu Jazz und Theorie. Zwischen Anekdoten über Bierdeckel, Notenschreiben und die kleinen und großen Hürden des Unterrichts wird klar: Hier spricht jemand, der Musik lebt – mit Neugier, Humor und einem feinen Gespür für Menschen. Viel Vergnügen beim Lesen!

Du hast ein Harmonielehrebuch geschrieben. Muss man das wirklich lernen oder kann man nicht einfach spielen, was einem gefällt?

Mit sieben fing ich – inspiriert von meinem zwei Jahre älteren Cousin – mit dem Cello an. Das fand ich total cool. Mit zwölf wuchs dann mein Interesse an Jazz und Blues, und ich wollte ein anderes Instrument lernen. Schlagzeug, Vibraphon (wegen Lionel Hampton) und Klarinette (wegen Benny Goodman) standen zur Wahl. Schlagzeug gefiel meiner Mutter nicht, und Klarinette gab es an der Tübinger Musikschule nur klassisch. Zufällig wurde dort gerade E-Gitarre als neues Fach eingeführt – das faszinierte mich sofort. Ich erinnere mich noch gut an ein Konzert zur Einführung mit meinem späteren Lehrer Albert Mayer-Mikosch (E-Gitarre), Heinz v. Moisy (Drums) und Paul Müller (Bass) in der Aula.Meine Tante, damals Musikschulleiterin in Leonberg, überzeugte meinen Vater, dass ich erst klassische Gitarre lernen müsse – E-Gitarre sei kein Einstiegsinstrument. Also fügte ich mich, auch wenn das für meine Lehrerin und mich eine zähe Durststrecke war. Meine erste E-Gitarre sparte ich mir selbst zusammen und brachte mir vieles autodidaktisch bei. Später durfte ich dann an der Musikschule zur E-Gitarre wechseln. Die Liebe zur akustischen Gitarre kam erst danach.


Was fasziniert dich so an der Gitarre? Warum hast du nicht ein anderes Instrument gewählt, zum Beispiel Trompete oder Violine?

Ich hatte ja wie gesagt mit Cello angefangen und wollte kein „klassisches Instrument“ mehr spielen. Klarinette, Vibraphon und Schlagzeug hatten mich begeistert, aus den genannten Gründen wurde das aber nichts. Geige spielten schon mein Vater und meine Schwester. Geige ist zwar im Jazz durchaus präsent, aber schon bei den ersten Versuchen, die Geige von meinem Vater zu spielen, habe ich gemerkt, dass man in diese doch etwas spezielle Haltung schon möglichst früh „hineinwachsen“ sollte.
Trompete hatte mich im klassischen Swing und New Orleans Stil, den ich in dem Alter vorwiegend gehört hatte, trotz „Satchmo“ und „Bix“ Beiderbecke noch nicht so begeistert. Erst später durch Jazztrompeter wie Dizzy Gillespie, Freddie Hubbard oder Chet Baker habe ich dann die Trompete wirklich schätzen gelernt.

Wenn die Gitarre plötzlich sprechen könnte – was denkst du, würde sie über dich sagen?

Hm, wir haben eine sehr intime Beziehung, das wäre schon interessant! 😉


Du schreibst viele Gitarrenbücher. Was war das Verrückteste oder Lustigste, was dir je beim Üben oder Schreiben von Noten passiert ist?

Wie ich überhaupt dazu kam, Gitarrenbücher zu schreiben, ist eine meiner lustigsten Geschichten: Nach einem Konzert im Topos Jazzclub in Leverkusen unterhielt ich mich noch mit einem Besucher. Er stellte sich als Verlagslektor heraus – wir hatten sogar schon einmal telefoniert. Er war gerade beim AMA-Musikverlag ausgestiegen und suchte einen neuen Verlag, hatte aber Interesse an einem Buchprojekt mit mir. Ich kritzelte meine Kontaktdaten auf einen Bierdeckel.Einige Wochen später rief er tatsächlich an: Inzwischen war er bei den Musikverlagen Hans Gerig und meinte, er habe immer noch meinen Bierdeckel – ob ich mir vorstellen könne, ein „Unplugged Guitar Book“ mit Songs von Eric Clapton u.a. zu schreiben. Damals war Claptons „Unplugged“-Album gerade in den Charts – es wurde mit 26 Millionen verkauften Exemplaren sein erfolgreichstes Album und das erfolgreichste Live-Album überhaupt. So entstand mein erstes Buch – ein Bestseller. Ohne diesen Bierdeckel gäbe es meine Bücher wahrscheinlich gar nicht.


Viele Musikbücher und Schulen sind darauf ausgerichtet, Schüler von Anfänger- bis Fortgeschrittenenlevel zu begleiten. Wie hast du das in deinen bisherigen Werken umgesetzt? Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Prinzipien beim Unterrichten von Musik in diesen verschiedenen Phasen?

In meinen Songbooks spielte der Schwierigkeitsgrad der Songs eigentlich keine so große Rolle. Wichtig war, die abgedruckten Stücke möglichst originalgetreu zu präsentieren, also akribisch heraus zu hören und zu notieren. In dem Bereich gibt es ja keine vom Komponisten verfassten Originalnoten.
Bei Schulen wie Guitar Player oder AXErciser braucht’s dagegen einen klaren didaktischen Plan. Dafür notwendig ist didaktische Planung und methodische Überlegungen. Beim eigentlichen Unterrichten merke ich aber immer wieder, wie individuell jeder Schüler ist und dass ein gutes Lehrbuch zwar eine große Hilfe ist, aber letztlich braucht man unabhängig davon für jeden Schüler einen eigenen didaktisch-methodischen Plan. Das kann u.U. sogar den Verzicht auf Bücher bedeuten. Auch diese Fälle erlebe ich.

Du hast ein Harmonielehrebuch geschrieben. Muss man das wirklich lernen oder kann man nicht einfach spielen, was einem gefällt?

Gute Frage! Ich würde sagen: sowohl als auch. Die Beatles – wohl die kreativste Pop- und Rockband aller Zeiten – waren keine studierten Musiker, hatten sich aber alle vier autodidaktisch mehrere Instrumente beigebracht und schrieben zahlreiche der größten Popsongs aller Zeiten. Gleichzeitig darf man George Martin nicht vergessen – ihren Produzenten, der Komposition und Orchestration studiert hatte. Erst durch ihn entstanden die kunstvollen Arrangements, die die zunächst rohen Songs veredelten. Man stelle sich Yesterday ohne Streichquartett oder Penny Lane ohne Trompetenpart vor! Nicht umsonst nennt man ihn den „fünften Beatle“.Ich denke also: Man muss nicht alles akademisch analysieren, aber Harmonielehre liefert wichtiges Know-how und wertvolle Werkzeuge. Einen guten Popsong schreibt man vielleicht ohne dieses Wissen – ein Big-Band-Arrangement eher nicht.


Wie lange dauert es, ein Theoriebuch zu schreiben, und wie findest du die Balance zwischen Theorie und Praxis?


Sehr lange! Ich habe mir viel Zeit dafür genommen dafür. Ich bin im Jahre 2000 gefragt worden, ob ich diese Harmonielehre für Gitarristen schreiben möchte. Mit dem Manuskript war ich dann erst 2024 fertig. Und dann hat der ganze Notensatz und das Layout mit allen Korrekturdurchläufen noch mal ein Jahr gebraucht. Dass das so lange dauert, liegt einerseits am Umfang (knapp 400 Seiten) aber natürlich daran, dass ich Bücher ja nur im Nebenjob schreibe. Ich lasse mir da inzwischen auch keinen Veröffentlichungsdruck mehr machen. Der Praxisbezug war mir besonders wichtig. Deshalb habe ich es speziell für Gitarrist*innen geschrieben. Ansonsten hätte ich auch eine allgemeine Harmonielehre schreiben können, aber was man nicht unmittelbar auf dem Instrument anwendet und immer wieder nutzt, vergisst man wieder.


Für viele Musiker ist Musiktheorie oft eine schwierige Materie. Was ist dein Geheimnis, um diese Thematik so zu vermitteln, dass sie für alle zugänglich und verständlich wird?

Ich kann ja nur hoffen, dass mir das in dem Buch gelingt! Vermutlich werde ich diesbezüglich bald Feedback bekommen, die Veröffentlichung steht ja nun unmittelbar bevor. Ich glaube im Unterricht gelingt es mir meist ganz gut, theoretische Dinge verständlich zu vermitteln. Da kenne ich den Adressaten aber auch. Schwieriger ist es natürlich, wenn man allgemein formuliert und sich nicht an einen speziellen Schüler wendet, den man einschätzen kann. Ich denke aber, es kauft sich auch nur jemand eine fast 400 Seiten starke Harmonielehre, wenn er großes Interesse und wenigstens ein bisschen „Leidensfähigkeit“ mitbringt! 😉


Was sind die nächsten Projekte, an denen du arbeitest? Gibt es weitere Bücher oder vielleicht eine neue Richtung, die du einschlagen möchtest?

Eigentlich dachte ich, das letzte Buch wäre das Finale – aber neue Ideen habe ich schon, und es gibt auch Verlagsanfragen. Parallel denke ich über andere Projekte nach, etwa eine CD mit meinem Trio. Vielleicht wird auch das mein nächstes Projekt.


Zum Schluss: Musik ist ja auch manchmal ein bisschen Magie. Glaubst du, dass die Gitarre eine besondere „Superkraft“ hat? Wenn ja, welche?

Das stimmt, die Gitarre hat wohl tatsächlich eine Superkraft, sonst hätte sie mich ja nicht so in ihren Bann gezogen. Sie ist neben der Harfe das einzige Zupfinstrument, das Akkordspiel, Kontrapunkt und Polyphonie ermöglicht, was andere Saiteninstrumente wie Geige oder Cello nicht bieten. Sie ist in vielen Stilrichtungen zu Hause und lässt sich auf unterschiedliche Weisen spielen, da es sie in vielen Bauarten und Modellen gibt. Die klanglichen Möglichkeiten sind faszinierend, da die Gitarre die Klangfarben eines ganzen Orchesters umfasst. Das zeigt Andrés Segovia anschaulich in einem Interview (auf Youtube zu finden), wo er verschiedene Orchesterinstrumente auf der Gitarre imitiert. Auch modernere Techniken wie die „Harp Harmonics“ von Chet Atkins, mit denen Harfenklänge imitiert werden, zählen zu diesen Imitationstechniken. Gitarristen in allen Genres – ob Klassik, Flamenco, Rock, Blues oder Jazz – haben die Gitarre auf diese Weise „orchestral“ eingesetzt. So habe ich also immer das Gefühl, dass es noch wahnsinnig viel zu entdecken und zu lernen gibt. Und je mehr man über die Gitarre lernt, desto mehr Neues tut sich auf. Das passt gar nicht in ein Leben fürchte ich, aber besser so, als dass es einem langweilig wird!

Interview: Maria Wunder

Harmonielehre: Guitar Chord Colours
Verlag: 2025 bei Alfred Music erschienen
Covergestaltung (Guitar Chord Colours): Hanna Harms

Art.-Nr.: 20291G  |  ISBN-13: 978-3-947998-26-5  | 
400 Seiten  |  49,95 €
Buch, CD & Online Audio

www.alfred.com/de/

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Der Account der Online-Redaktion von Musiker Online, dem Musiker Magazin und dem DRMV.

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